Juli 2, 2020

Der tanzende Gott

„Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.“
Friedrich Nietzsche

Es gibt personale und transpersonale Gottesbeziehungen. In der personalen Gottesbeziehung sprechen Menschen Gott mit einem Du an. „Er“ wird zu einem Gegenüber, mit dem man, vorwiegend über Sprache, in Beziehung treten kann. Dieses „Du“ Gottes ist die eher statische und personalisierte Form des göttlichen Geheimnisses in den monotheistischen Religionen. Diese Beziehungsform ist ein Grundelement religiöser Wahrnehmung und tragender Bestandteil der individuellen und kollektiven religiösen Praxis vieler Menschen.

Die Mystiker beziehen sich auf das Göttliche als den transpersonalen Seinsgrund des Lebens, der sich als formloses Geheimnis auch der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten entzieht. Hier steht nicht das verstandesmäßige Ansprechen und Begreifen im Fokus, sondern das Hinabsenken und Hineingeben in die geheimnisvolle Lebendigkeit des göttlichen Seins.

Die moderne Naturwissenschaft lehrt uns, dass im subatomaren Bereich Materie Bewegung, Schwingung und Energie ist. Im Kosmischen kann als gesichert angenommen werden, dass sich das Universum seit dem Urknall in einem andauernden dynamischen Ausdehnungsprozess befindet. Alles fließt, kann man mit einem Heraklit zugesprochenen Aphorismus sagen. Alles ist in Bewegung und in einen Prozess der ständigen dynamischen Veränderlichkeit eingewoben.

Wenn die subatomare und kosmische Wirklichkeit Bewegung und Schwingung ist, so ist es nicht vermessen, das Göttliche als Urschwingung zu empfinden. Und diese Urschwingung ist auch in uns, wie in allen Lebewesen. In der christlichen Religion ist es der „Heilige Geist“, der diese dynamische göttliche Wirkkraft ausdrückt: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt, und wohin er geht.“ (Joh, 3,8). Und die Dreifaltigkeit Gottes war bei den frühen Kirchenvätern keine statische Drei-Personen-Thronversammlung sondern, wie aktuell auch bei dem Theologen Gisbert Greshake und dem Franziskaner Richard Rohr, ein perichoretisches Spiel, ein Rundtanz der Liebe, bei der sich die Liebenden umtanzen.

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